Lebenslinien

TagtĂ€glich betreten und verlassen Menschen das GebĂ€ude der AWO in Heide. Manche arbeiten hier und verdienen sich damit ihren Lebensunterhalt, andere engagieren sich im Ehrenamt oder kommen in die sogenannte WĂ€rmestube fĂŒr eine warme Mahlzeit. Jeder und jede hat seine bzw. ihre Geschichte. Storytelling nennt man neudeutsch im Journalismus das ErzĂ€hlen von Geschichten. Im Prinzip ist es aber eine uralte und von allen Menschen praktizierte Form der Alltagskommunikation. Genau dies sind unsere „Lebenslinien“.
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<strong>Der Tag beginnt mit einem festen Ritual. „Guten Morgen zusammen“</strong> , grĂŒĂŸt Karsten Wessels, wenn er das AWO-Haus in Heide betritt. Schallt es dann aus der KĂŒche dreistimmig zurĂŒck: „Guten Morgen alleine“, weiß AWO-Leiter Wessels, dass hier alles auf einem guten Weg ist. FĂŒr drei von sechs Frauen aus dem KĂŒchenteam beginnt der Arbeitstag um 7 Uhr in der FrĂŒh. Bis spĂ€testens um 9.30 Uhr ist das Team dann komplett.

Sechs Frauen aus sechs Nationen, dazu derzeit vier unterschiedliche Religionszugehörigkeiten, das muss man erst mal unter den Hut bekommen. „Bei uns klappt das ganz wunderbar, aber eines ist auch klar: Politik und Religion bleiben außenvor“, sagt Karsten Wessels. Oder um es mit den Worten von KĂŒchenchefin Katharina zu sagen: „Wir haben verschiedene Glauben. Wir sind alle gleich. Wir wollen keinen Krieg.“ So verschieden die GrĂŒnde fĂŒr die Frauen auch waren, ihre Heimat zu verlassen (und einen handfesten Grund hatte jede Einzelne), so unterschiedlich in Temperament und Alter sind die Sechs. Bei allen Unterschieden haben sie zu einem richtig guten Team zusammengefunden. Profiteure sind all jene Menschen, die sonst kein Brot zum FrĂŒhstĂŒck oder keine Mittagsmahlzeit verzehren könnten. Oft genug haben sie nicht mal ein Zuhause. „Wir fragen nicht nach dem Warum jemand vor unserer TĂŒr steht. Niemand wird hungrig weggeschickt“, sagt Katharina. FĂŒr den Verzehr ist ein separat zugĂ€nglicher Raum hinter der KĂŒche reserviert, die sogenannte WĂ€rmestube. Der Name dĂŒrfe gern im doppelten Sinn verstanden werden, meint Karsten Wessels: FĂŒr die Tasse Kaffee oder Tee oder die warmen Essen, die hier ausgegeben werden – aber auch fĂŒr die HerzenswĂ€rme, die hinter dem AWO-Projekt stehe.

Katharina, gebĂŒrtige Ukrainerin und gelernte Köchin, ist mit ihrem deutschen Mann aus Kasachstan ĂŒber Bremen nach Heide gekommen. Von den sechs Frauen arbeitet sie am lĂ€ngsten in der AWO-KĂŒche. Russisch-ukrainische Wurzeln mit deutschem Hintergrund hat auch Nadja, sie ist Ein-Euro-Jobberin. Der Vater von Alice ist Pole, die Mutter gebĂŒrtige Deutsche. Vor neun Jahren war Alice noch Tafelkundin und ALG II-Bezieherin, wollte aber nicht untĂ€tig zuhause sitzen und hat fĂŒr einen Euro gejobbt. Über eine Arbeitsfördermaßnahme sie dann vor fĂŒnf Jahren ins KĂŒchenteam gerutscht. Die Bezuschussung lĂ€uft demnĂ€chst aus, doch die Chancen fĂŒr eine feste Teilzeitanstellung bei der AWO stehen derzeit gut fĂŒr Alice; Karsten Wessels hat sich fĂŒr sie stark gemacht. „Ein gutes Beispiel fĂŒr eine gelungene Eingliederung ins Erwerbsleben“, freut sich der AWO-Leiter. Nicole stammt aus Deutschland, Faten aus Syrien: beide sind (wie Nadja) ebenfalls 1-Euro-Jobberinnen.

Vor sechs Jahren ist Sherin aus Syrien geflohen. Damals sprach sie kein Wort Deutsch. Mittlerweile spricht sie fließend. TatsĂ€chlich hat sie ihre KĂŒchenkolleginnen stĂ€ndig gelöchert, wie dies und jenes heißt. Gegen alle WiderstĂ€nde hat sich Sherin durchgebissen, mittlerweile die heiß ersehnte eigene Wohnung bezogen und freut sich ĂŒber die Perspektive, einmal die Nachfolge von Katharina als KĂŒchenchefin antreten zu können. „Jede Einzelne dieser sechs Frauen hat sich auf den Weg gemacht. Alles kleine Erfolgsgeschichten und wir freuen uns, als Arbeitgeber unseren Teil dazu beitragen zu können“, fasst Karsten Wessels zusammen. Mit den Worten von Alice und KĂŒchenchefin Katharina (oder „General Mittag“, wie Letztere von einem schalkhaften Stammkunden genannt wird): „Wir sind stark geworden, weil wir es mussten. Weil wir so viele Probleme zu bewĂ€ltigen hatten.“ Ja – es wird auch gelacht und gescherzt in der WĂ€rmestube. WĂ€re auch verdammt trĂŒbe, wenn nicht.

Die Frauen kochen mit dem, was an Lebensmitteln gerade verfĂŒgbar ist. Zugekauft wird möglichst wenig. TatsĂ€chlich stammt der Großteil an Obst, GemĂŒse oder auch Fleisch und Wurst aus der „Garage“, wie die Tafelausgabestelle in der KĂŒche heißt (tatsĂ€chlich ist es eine Garage). Daher gibt es auch keinen durchgetakteten Wochenplan. Es lĂ€sst sich denken: So zu kochen erfordert KreativitĂ€t, aber auch ProfessionalitĂ€t. Die Rezeptsammlung, die ĂŒber viele Jahre immer weiter ergĂ€nzt worden ist, fĂŒllt mehrere Leitz-Ordner. Doch meistens kochen die Frauen, ohne die Rezepte zu bemĂŒhen. Typisch deutsche Gerichte sind darunter, wie Kartoffelpuffer, Erbsensuppe oder Rote GrĂŒtze als Nachtisch. TatsĂ€chlich wĂŒrden aber viele vermeintlich typisch deutsche Gerichte auch in Polen, Russland und der Ukraine gegessen, meint Alice. Vielleicht in etwas anderer Zubereitung. Auch Gerichte aus den UrsprungslĂ€ndern der Frauen kommen auf den Tisch. Sherins SpezialitĂ€t beispielsweise ist „Lahm bi Ajin“: Lahm bedeutet „Fleisch“ und bi Ajin bedeutet „mit Teig“. Es ist ein dĂŒnnes Fladenbrot, in Sherins Zubereitung mit HĂ€hnchenhackfleisch und ziemlich vielen orientalischen GewĂŒrzen, die sie von zuhause mitbringt. In eine echte Soljanka gehören nach Alices Meinung unbedingt drei Sorten Fleisch. Die sind zwar nicht immer in der AWO-KĂŒche verfĂŒgbar, dann gibt es eine Soljanka im Stile der AWO (also mit dem was gerade verfĂŒgbar ist) – die aber gewiss nicht schlechter schmecken muss. Karsten Wessels liebt es, wenn die Frauen Gerichte aus ihren HerkunftslĂ€ndern zubereiten wie Piroggi oder Borschtsch. An seinen BĂŒrotagen, und das ist fast wochentĂ€glich, isst er mittags gegen eine Entgeltspende. Ebenso wie ein externer Gast, ein alleinstehender Mann, der in unmittelbarer Nachbarschaft wohnt und nicht kochen kann, und die freiwilligen Helfer und einige AWO-BeschĂ€ftigte.

FĂŒr die drei Frauen, die morgens um 7 Uhr kommen, endet der Arbeitstag um 13 Uhr. Die spĂ€tere Schicht putzt, wĂ€scht ab und rĂ€umt alles wieder an seinen Platz. Dann kehrt um spĂ€testens 16 Uhr Ruhe ein in der KĂŒche. Bis zum nĂ€chsten Morgen um 7 Uhr, wenn Katharina, Alice und Sherin die KĂŒchentĂŒr aufsperren.

<strong>Vom Tafelkunden zum Tafelleiter:</strong> Mirko Lietzmann hat sein Leben angepackt. Lebenswege verlaufen nicht immer schnurgerade. Doch sind es nicht gerade die Umwege und die Erfahrungen, an denen Menschen wachsen und die in spÀteren Jahren ihr Handeln bestimmen?

Tafel Heide UnterstĂŒtzer: Herr / Frau LietzmannMirko Lietzmann zum Beispiel. Vor 25 Jahren war der Mittvierziger noch Kunde bei der AWO-Tafel in Heide. Heute ist er dort fest angestellt, wird nach Tarif bezahlt und leitet mit Herz und viel persönlichem Einsatz diesen wichtigen Teilbereich der sozialen Arbeit. „Ich habe mich hochgearbeitet“, sagt Mirko Lietzmann. Zu Recht darf er stolz sein auf das, was er leistet, und die positiven Impulse, die er setzt. Der Heider Ortsvereinsvorsitzende Karsten Wessels kleidet sein Lob in vier Worte: „Mirko lebt die Tafel.“

Das Tafel-Team
Das Tafel Heide Sommerteam 2023Und nicht nur er, seit gut drei Jahren wirkt auch Heidi Lietzmann dank eines Förderprojektes im Orga-Team der Tafel mit – als Stellvertreterin ihres Mannes. Nicht immer ist eine Konstellation wie in diesem Fall (gemeint ist die eng vernetzte TĂ€tigkeit eines Paares in einem Arbeitsbereich) förderlich fĂŒr die Zusammenarbeit in einem Team. Und bei der Tafel kann man von einem Team sprechen, denn es sind immerhin durchschnittlich 15 Personen in die ArbeitsablĂ€ufe involviert. Überwiegend sind es MĂ€nner und Frauen mit geförderten Arbeitsgelegenheiten (AGH) oder 1-Euro-Jobber.

Entspanntes Miteinander
Das Ehepaar Lietzmann hat im Team einen guten Weg im entspannten Miteinander gefunden, doch Mirko Lietzmann setzt klar eine rote Linie: „Wir mĂŒssen uns aufeinander verlassen können. Die meisten von uns sind mit Begeisterung dabei – klar, manche muss man anfĂ€nglich an die Hand nehmen, aber dann funktioniert es auch. Wer aber unzuverlĂ€ssig oder missmutig ist oder rumstĂ€nkert, passt nicht zu uns.“

Motivation als Antrieb
Die Tafelarbeit reicht weit in das Privatleben von Mirko und Heidi Lietzmann hinein. Im Gegensatz zum Arbeitsbeginn um 6 Uhr sei das Dienstende um 14 Uhr reine Theorie. „Das Diensthandy bleibt auch nach Feierabend eingeschaltet, schließlich kann immer etwas sein“, so Mirko Lietzmann. Gut vorstellbar, dass der Mix von Beruf und Privat sogar ein Vorteil sein kann. Das Ehepaar Lietzmann teilt jedenfalls zu hundert Prozent Inspiration und Motivation, die es aus ihrer Arbeit zieht. Arbeitsplatzstudien belegen eindeutig, dass motivierte Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter – gerade auch solche mit Leitungsfunktion – die ArbeitsqualitĂ€t eines ganzen Teams positiv stĂ€rken können.

Ein Blick zurĂŒck
Wie kam es dazu, dass Mirko Lietzmann vor 25 Jahren selbst Tafelkunde war? Er blickt zurĂŒck: „Ich habe mehrere Jobs im Einzelhandel gehabt. Auch Maßnahmen der Agentur fĂŒr Arbeit waren dabei, manche nur fĂŒr eine oder zwei Wochen. Das Richtige war es nie und was ich gerne gemacht hĂ€tte, passte körperlich nicht. Vielleicht hatte ich auch nicht immer die richtige Einstellung.“ So war der Weg zu ALG II vorgezeichnet. FĂŒr seine heutige Arbeit ist diese Biografie nicht von Nachteil. Im Gegenteil, seine Erfahrungen schĂ€rfen den Blick und lassen BerĂŒhrungsĂ€ngste gar nicht erst aufkommen. Mirko Lietzmann: „Ich kenne die Seite vor und die Seite hinter unserem Ausgabetresen. Unsere Kunden wissen, wen sie vor sich haben.“

Ohne Sachspenden keine Tafel
Über Bekannte habe er damals den Tipp mit der Tafel bekommen. Das Prinzip ist unverĂ€ndert: BedĂŒrftigkeit vorausgesetzt wird im AWO-BĂŒro eine zeitlich begrenzte Tafelkundenkarte ausgestellt. Gegen Vorlage dieser Karte können an der Ausgabestelle Lebensmittel gegen kleines Geld erworben werden. An diesem Punkt im GesprĂ€ch stellt Mirko Lietzmann klar: „Wir sind kein Vollversorger, nur ein UnterstĂŒtzer. Was an Lebensmitteln vorgehalten und angeboten werden kann, wechselt bestĂ€ndig.“ Hintergrund: Aus rechtlichen GrĂŒnden darf die Tafel keine Lebensmittel erwerben, sondern nur solche verteilen, die gespendet werden. GrĂ¶ĂŸtenteils erfolgen die Spenden durch hiesige Edeka-MĂ€rkte, eine Drogeriekette, Tankstellen, durch ortsansĂ€ssige BĂ€ckereien und Discounter, einheimische Produzenten, GroßkĂŒchen und Verarbeitungsbetriebe. Es sind Lebensmittel, die noch unverdorben und gut sind, aber fĂŒr den Verkauf nicht hundertprozentig den Vorgaben der Unternehmen entsprechen. Sei es durch einen Makel in der Optik oder ein nahendes oder bereits eingetretenes Mindesthaltbarkeitsdatum. Solche Lebensmittel landeten frĂŒher hĂ€ufig im Container. Heute steuern tĂ€glich drei AWO-Fahrzeuge auf festgelegten Touren die Abgabestellen an und sammeln die Lebensmittel ein. Diese werden dann im Team sortiert und auf die vier Ausgabestellen des Heider AWO-Ortsvereins in Heide, Lunden, Wesselburen und BĂŒsum verteilt und mit den Fahrzeugen dorthin transportiert. „Auch Privatkunden spenden Lebensmittel, das hilft und freut uns sehr“, sagt Karsten Wessels.

An vier Tagen in der Woche geöffnet
Die Lebensmittelbeschaffung ist schwieriger geworden fĂŒr die AWO. „In vielen MĂ€rkten wird nicht mehr so schnell aussortiert oder die Ware verbilligt als ‚Gutes von gestern‘ angeboten.“ Zugleich steige aber die Zahl der Tafelkunden stetig. Dies fĂŒhrte bereits jetzt dazu, dass die Heider Tafelkunden maximal an zwei von vier möglichen Wochentagen Ware beziehen können. Jeweils ab 11.30 Uhr am Montag und Dienstag sowie am Donnerstag und Freitag ist die rĂŒckwĂ€rtig zum Heider AWO-Haus gelegene Tafelausgabestelle geöffnet. Dennoch: „Jede Kundin und jeder Kunde kann sich darauf verlassen, Ware zu bekommen. Der oder die Erste in der Reihe ebenso wie die oder der Letzte. Wir achten darauf, dass nicht wild ĂŒber Bedarf eingepackt wird“, betont Mirko Lietzmann. Auch habe das Ausgabeteam stets die Sortimentsvielfalt im Blick.

Die Tafel als Baustein fĂŒr Nachhaltigkeit
Oft schon eine Stunde vor Öffnung sind die ersten Kundinnen und Kunden da, unbenommen der Sichtbarkeit, die damit verbunden ist. „Viele kennen sich und schnacken miteinander.“ FĂŒr manche sei es die einzige Unterhaltung am Tag, die Tafel als Kommunikationsbörse. Die Tafel aber auch als Baustein fĂŒr Nachhaltigkeit, denn Lebensmittel sind viel zu wertvoll zum Wegwerfen. Welche Ware geht als Erstes weg? „An manchen Tagen ist es GemĂŒse wie Paprika oder Gurken, an anderen Tagen Brot oder Wurstware“, sagt Heidi Lietzmann.
Mirko Lietzmann und sein Team fahren eine Null-Toleranz-Schiene bei unangemessenem Benehmen. Kundinnen und Kunden, die sich nicht an die Regeln halten, werden zurechtgewiesen, im Wiederholungsfall auch mit einem Hausverbot belegt. „Das machen wir nicht gerne, ist aber schon vorgekommen und hat nichts mit der NationalitĂ€t zu tun.“

Herzenswunsch geht in ErfĂŒllung
Ein Herzenswunsch des Tafelteams wird ĂŒbrigens im November wahr: das Aufstellen des neuen Lebensmitteltresens. Möglich wurde die Finanzierung mit Spendengeldern aus der NDR-Benefizaktion „Hand in Hand fĂŒr Norddeutschland“. Da es fĂŒr die Spendensumme aber keinen komplett fertigen neuen Tresen zu kaufen gab, griff der gelernte Metallbauer Karsten Wessels zum Schweißbrenner und schweißte kurzerhand in seiner privaten Werkstatt das Metallgestell fĂŒr den Holzaufbau zusammen. Der Aufbau aus hygienischem Tischlerholz kommt aus der Werkstatt von Tischlermeister Jan Ehlers aus SĂŒderheistedt. Auch bei der Planung dieses neuen Tresens hat Mirko Lietzmann mitgewirkt. „Mirko macht sich viele Gedanken und es kommen immer gute Anregungen von ihm“, lobt Karsten Wessels.

Vor 25 Jahren war es Mirko Lietzmann nicht vorgezeichnet, dass es mal so kommen wĂŒrde. Er hat die Arbeit gefunden, die das Beste aus ihm herausholt.

<strong>Petra Gorecki hat ihre zweite Chance gut genutzt:</strong> Das Leben hat ihr eine zweite Chance geboten. Petra Gorecki hat sie genutzt, ihre zweite Chance, bei der der Zufall Pate stand.

Das Leben hat ihr eine zweite Chance geboten. Petra Gorecki hat sie genutzt, ihre zweite Chance, bei der der Zufall Pate stand. Ja, auch das gehört dazu: das gewisse QuĂ€ntchen GlĂŒck. Bei Petra Gorecki hatte die glĂŒckliche FĂŒgung vor nunmehr bald 15 Jahren zwei Namen: die AWO Heide und deren Vorsitzender Karsten Wessels.

Kindheit und Jugend der heute 39-JÀhrigen waren elternbedingt schwierig. Mit dem Hauptschulabschluss aus der Förderschule entlassen, musste sie in Jugendjahren eine Maler- und Lackiererausbildung gesundheitsbedingt abbrechen. Was danach kam, gleicht den LebenslÀufen von vielen Jugendlichen ohne Halt und Perspektive, nÀmlich das Abrutschen in die Mut- und Wohnungslosigkeit.

„Ich habe bei Freunden, Bekannten und Familie geschlafen“, sagt Petra Gorecki, „daher weiß ich ganz genau, wie es sich anfĂŒhlt, kein Geld und kein Zuhause zu haben. Insofern kann ich mich gut in Menschen einfĂŒhlen, die Schutz und Hilfe bei uns suchen.“ Uns – das ist die Heider Arbeiterwohlfahrt.

Doch der Reihe nach. Gesundheitlich angeschlagen kam Petra Gorecki vor gut zehn Jahren nach Heide und suchte das Jobcenter der Arbeitsagentur auf. Fragte dort nach, welche beruflichen Perspektiven es fĂŒr sie geben könnte? Ihr Ziel: endlich eine Existenz aufbauen! Als schnelle, nahe liegende Möglichkeit bot sich ein 1,50-Euro-Job an. Bei der Tafel der AWO gab Petra Gorecki Lebensmittel aus und fĂŒhrte dort auch die Kasse. „Bis dahin kannte ich die Tafel nicht“, sagt sie in der RĂŒckblende. Zwei Jahre erhielt sie Harz IV und verdiente sich durch den AWO-Job ein Handgeld dazu. „Es gab keinen großen Unterschied zwischen mir und den Frauen und MĂ€nnern, die nach Lebensmitteln bei uns anstanden.“

Der Kontakt zu den Ehrenamtlern und den angestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Heider Ortsverbandes blieb nicht aus. RĂŒckblickend sagt Karsten Wessels: „Ich habe relativ schnell gemerkt, dass in dem MĂ€del mehr stecken könnte. Sie engagierte sich, zeigte sich als lern- und anpassungsfĂ€hig, war zuverlĂ€ssig und korrekt“. Er bot ihr ein Praktikum im BĂŒro der AWO an. „Auch das hat sehr gut geklappt“, so Karsten Wessels. Um es kurz zu machen, aus dem Praktikum wurde eine Festanstellung fĂŒr 30 Stunden in der Woche zu den tariflichen Konditionen.

Heute ist Petra Gorecki eine feste GrĂ¶ĂŸe in der Verwaltung der Heider AWO. „Wow“, habe sie bei der ersten Gehaltszahlung gedacht, erinnert sie sich, „endlich selbst verdientes Geld fĂŒr mich ganz alleine!“ Zu ihren regelmĂ€ĂŸigen Aufgaben gehört unter anderem die Ausgabe der Berechtigungskarten fĂŒr Tafelkunden, die UnterstĂŒtzung von vorĂŒbergehend Wohnungslosen, die ihre Postadresse bei der AWO haben, die Organisation der alljĂ€hrlichen WeihnachtspĂ€ckchen-Aktion, aber natĂŒrlich auch andere VerwaltungstĂ€tigkeiten und Schriftwechsel. „Viele Funktionen des Computers habe ich mir selbst beigebrecht“, sagt Petra Gorecki. Mit Recht darf sie darauf stolz sein, in die Wiege gelegt wurde es ihr nicht. „Niemals, wirklich niemals hĂ€tte ich gedacht, dass ich mal im BĂŒro arbeite, und das gerne“, sagt Petra Gorecki. Zeitlebens hatte sie mit einer Lese- und RechtschreibschwĂ€che zu kĂ€mpfen. „Dem musste ich mich stellen“, sagt die 39-JĂ€hrige. Doch auch diese HĂŒrde ging sie diszipliniert an, denn sie hatte ein Ziel: Raus aus der Perspektiv- und Mutlosigkeit.

<strong>Studienpraktikum bei der AWO:</strong> ProjektantrĂ€ge auf den Weg bringen, Schriftwechsel fĂŒhren, Fördermöglichkeiten erkunden oder auch neue tarifvertragliche Regelungen umsetzen.

ProjektantrĂ€ge auf den Weg bringen, Schriftwechsel fĂŒhren, Fördermöglichkeiten erkunden oder auch neue tarifvertragliche Regelungen umsetzen: das Spektrum der TĂ€tigkeiten, die Lisann Lettau im Rahmen ihres knapp sechsmonatigen Studienpraktikums bei der AWO ĂŒbernommen hatte, war damit lĂ€ngst nicht erschöpft. An drei Tagen in der Woche je sechs Stunden war die 28-JĂ€hrige als Assistentin der GeschĂ€ftsfĂŒhrung tĂ€tig. Im Januar 2023 endete ihr Praktikum.

Lisann Lettau studiert aktuell im FrĂŒhjahr/Sommer 2023 im 9. Semester Wirtschaftsrecht an der Fachhochschule in Heide – und gehört in ihrem Jahrgang zu den Wenigen, die dort ihr Studium in Teilzeit absolvieren. „Ich habe einen 8-JĂ€hrigen Sohn, fĂŒr den ich die Verantwortung trage und der mich natĂŒrlich noch braucht“, berichtet Lisann bei ihrer Verabschiedung im Januar 2023 durch Karsten Wessels.

Mit UnterstĂŒtzung der Eltern und dank der Option, in Teilzeit zu studieren, hat sie es bisher gut geschafft, Studium und ErziehungstĂ€tigkeit bzw. das vorgeschriebene Praxissemester unter einen Hut zu bringen. „Mein Leben ist durch meine frĂŒhe Schwangerschaft anders verlaufen, als ich es mir als Abiturientin vorgestellt habe. Doch heute ist alles gut und mein Sohn ist mein großes GlĂŒck“, sagt Lisann. Anderen Frauen in Ă€hnlichen Lebenssituationen möchte sie Mut machen, ihren Berufswunsch nicht aufzustecken.

Sicherlich ist Lisanns Weg zum „Bachelor of Laws (LL.B)“ beschwerlicher als der ihrer Mitstudierenden, die sich voll und ganz auf ihr Studium konzentrieren können. Doch das spornt sie eher an.

„Mehr Teilzeitmöglichkeiten eröffnen“
„Ich finde es enorm wichtig, dass Frauen und MĂ€nnern die Möglichkeit eröffnet wird, in Teilzeit zu arbeiten oder eben zu studieren“, sagt AWO-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Karsten Wessels. Bereits wĂ€hrend seiner aktiven Zeit als GewerkschaftsfunktionĂ€r hat er sich fĂŒr die Vereinbarkeit von Beruf und Familie stark gemacht.  Wenngleich sich zwischenzeitlich vieles verbessert habe, gebe es gesellschaftspolitisch mindestens noch genau so viel zu tun, meint Karsten Wessels. Um beim Beispiel Lisann zu bleiben: Sie konnte beispielsweise kein BWL-Studium in Heide beginnen, fĂŒr diesen Studiengang gibt es die Teilzeitmöglichkeit bisher noch nicht.

Sie profitiere sehr von der Zeit bei der AWO, meint Lisann rĂŒckblickend: „Beispielsweise habe ich gelernt, die Vorschriften des SGB II und die Lebenssituationen von Menschen miteinander zu verknĂŒpfen. Ich verstehe die ZusammenhĂ€nge jetzt sehr viel besser.“ Im zweiten Buch des Sozialgesetzbuchs (SGB II) sind u. a. Grundsicherung fĂŒr Arbeitssuchende und Leistungen zur Eingliederung in Arbeit geregelt. Mit der AWO hatte Lisann bis zu ihrem Praktikum hauptsĂ€chlich die Tafel assoziiert. „TatsĂ€chlich ist die Tafel ein wesentlicher Punkt, aber bei weitem nicht der einzige. Es ist schon enorm, was hier in der Neuen Anlage alles ĂŒber den Schreibtisch geht.“

<strong>Auf der Zielgeraden:</strong> Ein Jahr Pause zwischen Abitur und Studium, um praktische Erfahrungen zu sammeln, das hatte sich Wienke Ludwig aus Westerborstel vorgenommen. Bereut hat sie es nicht.

Ein Jahr Pause zwischen Abitur und Studium, um praktische Erfahrungen zu sammeln, das hatte sich Wienke Ludwig aus Westerborstel vorgenommen. Bereut hat sie es nicht. Nun neigt sich ihr einjÀhriger Bundesfreiwilligendienst bei der AWO langsam aber sicher dem Ende zu.

„Mich interessieren Menschen“, sagt Wienke. Daher sei ihr Schritt zum Bundesfreiwilligendienst bei der AWO in Heide nur ein kleiner gewesen. Im Internet hatte sie die Ausschreibung fĂŒr die Stelle gefunden, kurz entschlossen eine E-Mail geschrieben und mit GeschĂ€ftsfĂŒhrer Karsten Wessels einen GesprĂ€chstermin vereinbart. „Eine Stunde haben wir gesprochen, dann war der Fall klar“, sagt Karsten Wessels. „Und der erste Eindruck hat mich nicht getĂ€uscht, Wienke passt prima zu uns.“ Dass sich Wienkes Zeit bei der AWO bald zu Ende geht, sei bedauerlich, aber leider nicht zu verhindern. Ein Jahr dauert der Bundesfreiwilligendienst, nicht lĂ€nger aber  auch nicht kĂŒrzer – es sei denn, es kommt zum Abbruch. Aber das war nie eine Option fĂŒr Wienke, die sich rasend schnell ins AWO-Team eingefunden hat und lĂ€ngst selbstĂ€ndig ihr Aufgabengebiet managt bzw. die ehrenamtlich tĂ€tigen Mitglieder unterstĂŒtzt – wie beispielsweise bei Tafel, Kindertafel oder Ferienfreizeit.

Bufdi – so wird umgangssprachlich der junge Mensch genannt, der einen Bundesfreiwilligendienst leistet. Im Lebenslauf macht sich solch ein Auszeitjahr (klassischerweise zwischen Schule und Studium bzw. Berufsausbildung) ausnehmend gut, zeigt es doch: Hier handelt es sich in der Regel um jemanden mit hoher sozialer Kompetenz. Um beim Beispiel Wienke zu bleiben: FĂŒr sie hat sich bestĂ€tigt, dass sie mit Menschen bzw. fĂŒr Menschen arbeiten möchte. FĂŒr die 19-JĂ€hrige die zusĂ€tzliche BestĂ€tigung, dass sie mit ihrem Studienwunsch Medizin richtig liegt. BerĂŒhrungsĂ€ngste darf sie nicht als Ärztin haben – und auch nicht bei der Arbeit bei der AWO. „Mir gefallen die Vielfalt der Menschen und deren unterschiedlichen sozialen HintergrĂŒnde, mit denen wir zu tun haben“, sagt Wienke.

Empathie ist unerlÀsslich
Ohne Empathie geht es nicht: Sich immer wieder auf die Menschen einzustellen, die Hilfe, UnterstĂŒtzung oder Beratung benötigen, zĂ€hlt unbedingt zu den persönlichen FĂ€higkeiten, den sogenannten „soft skills“, die alle hauptamtlich BeschĂ€ftigten (und auch alle ehrenamtlich TĂ€tigen) bei der AWO mitbringen sollten. „Ich habe das GlĂŒck, privilegiert zu leben. Das weiß ich heute noch viel mehr als frĂŒher zu schĂ€tzen“, so Wienke. Schade findet es sie, dass in ihrer Generation wenig bekannt ist, was die AWO in Heide alles leistet und welch‘ große Rolle im sozialen GefĂŒge ihr zukommt. Nun trommelt sie in ihrem Bekanntenkreis, damit sich das mehr herumspricht. Und sich vielleicht auch dadurch schnell eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger fĂŒr sie findet.

Anmerkung
Wienke verdient bei der AWO ein Taschengeld und kommt zusammen mit der Verpflegungspauschale auf monatlich 380 EUR Entgelt. Sie arbeitet in der Regel montags bei freitags von 8 bis 14 Uhr.

<strong>"Viel GlĂŒck, Mia!":</strong> Ein Jahr Bundesfreiwilligendienst lag im Juni 2022 hinter Mia Schnoor. FĂŒr die junge Frau ein Jahr voller Erfahrungen – ein Jahr, das ihre Berufsentscheidung ganz wesentlich beeinflusst hat.

Ein Jahr Bundesfreiwilligendienst lag im Juni 2022 hinter Mia Schnoor. FĂŒr die junge Frau ein Jahr voller Erfahrungen – ein Jahr, das ihre Berufsentscheidung ganz wesentlich beeinflusst hat. „Vorher war mir nicht klar, dass ich mit Menschen arbeiten möchte“, sagt Mia.

Bundesfreiwilligen Dienst bei der AWO Heide - MiaMia hat ihren Bundesfreiwilligendienst bei der AWO in Heide absolviert. In dieser Zeit konnte und durfte sie in ziemlich alle Bereiche und Arbeiten reinschnuppern, die die Arbeit des Heider Ortsvereins ausmachen. Mehr noch: Mia durfte und konnte mitgestalten. Egal, ob es um Schreibtischarbeiten wie das Entwerfen von Flyern ging, um die UnterstĂŒtzung und Hilfe bei der Tafel, der Kindertafel oder des Ferienlagers fĂŒr Kinder und Jugendliche in BĂŒsum. Doch jetzt muss sie ihren weiteren Weg beschreiten“, sagt AWO-Vorstand Karsten Wessels. Das gesamte Heider AWO-Team wĂŒnscht: „Viel GlĂŒck, Mia!“

Übrigens: FĂŒr ihren weiteren Berufsweg hat Mia sich fĂŒr ein Studium der Sozialen Arbeit entschieden.

Was ist der Bundesfreiwilligendienst?

Der Bundesfreiwilligendienst ist ein Angebot an Frauen und MĂ€nner jedes Alters, sich außerhalb von Beruf und Schule fĂŒr das Allgemeinwohl zu engagieren. Oftmals erweist sich das freiwillige Engagement als großer persönlicher Gewinn: Junge Menschen sammeln praktische Erfahrungen und Kenntnisse und erhalten erste Einblicke in die Berufswelt. Ältere Menschen geben ihre reichhaltige Lebenserfahrung an andere weiter, können ĂŒber ihr freiwilliges Engagement auch nach dem Berufsleben weiter mitten im Geschehen bleiben – oder nach einer Familienphase wieder Anschluss finden. Auch die Einsatzstellen profitieren von engagierter UnterstĂŒtzung durch Freiwillige: Sie bringen frischen Wind und AnstĂ¶ĂŸe von außen. Entlohnt wird der Bundesfreiwilligendienst mit einem Taschengeld von bis zu 423 Euro. Rentenversicherungs- und KrankenkassenbeitrĂ€ge werden vom TrĂ€ger entrichtet.

Lust auf Bundesfreiwilligendienst? Bewerbungen nimmt die AWO sehr gerne entgegen, einfach eine Mail senden an: wessels@awo-heide.de

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